Judith Sturm und ihr Blick auf die Malerei
Zwischen Farbspritzern, Pinselstrichen und Salzkörnern auf der Leinwand entfaltet sich etwas ganz Eigenes.
Die wässrige Acryllösung bringt beim Trocknen Texturen zum Leben, und später modelliert die Ölfarbe Hauttöne darüber, die fast zu atmen scheinen.
Es ist der Spannungsbogen aus Chaos und bewusster Gestaltung, aus zufälligen Reaktionen und gezielten Eingriffen, aus Abstraktion und Figurismus, der Judith Sturms Malerei definiert.


Neben ihrer Arbeit im Atelier ist Judith Sturm Kuratorin und Galeristin in der Galerie HMH in Port Andratx, einer der größten Galerien Mallorcas, wo sie rund 80 internationale Künstler:innen vertritt. Trotz der organisatorischen Aufgaben nimmt sie sich täglich Zeit für ihr Atelier, um neue Ideen zu entwickeln und ihre Arbeiten fortzuführen.
Ihr Alltag ist eine Mischung aus konzentrierter Atelierarbeit, dem Koordinieren von Ausstellungen, der Pflege von Kontakten zu Künstler:innen und Sammler:innen sowie der Recherche nach internationalen Projekten, Biennalen, Print-Ausschreibungen und Wettbewerben.
Dabei entsteht ein Rhythmus, der es ihr erlaubt, sowohl künstlerisch zu experimentieren als auch strategisch zu planen, welche Werke in welchem Rahmen präsentiert werden.

In diesem Jahr arbeitet sie an einer Rauminstallation mit dem Titel „Upside Down Along Lines“, die für die Osten Biennale 2026 in Nordmazedonien ausgewählt wurde. Für diese Arbeit hat sie ihre typische Öl-auf-Acryl-Salzgrund-Technik weiterentwickelt: Bereits bemalte Leinwände mit ihren typischen weiblichen Protagonistinnen wurden auseinandergeschnitten, neu zusammengesetzt und werden als hängende Installation von der Decke präsentiert.
Die Arbeit interagiert dabei intensiv mit dem Raum: Texturen und Linienführung erzeugen Brüche, sodass das Gesamtwerk wie ein „Smartphone-Bildschirmscroll“ wirkt – eine Flut von Bildfragmenten, brüchig und schwer zu fassen

Ein weiteres zentrales Motiv in ihrer Arbeit sind Flamingos, die sie speziell für Mallorca entwickelt hat. Bereits 2017 begann sie, diese Tiere in ihrer typischen Technik zu gestalten – die Kombination aus Öl auf Acryl-Salzgrund verleiht ihnen ein besonderes Alleinstellungsmerkmal. Über die Jahre haben sie sich zu einem ihrer beliebtesten Motive entwickelt und erscheinen in verschiedensten Variationen.
Die Flamingos sind sowohl pop-artig als auch subtil-retro. Selbst bei farbstarken Exemplaren bleibt die Farbigkeit leicht gedämpft, mit einem pudrigen Touch, der sich wie ein roter Faden durch ihre gesamte Malerei zieht. Diese Mischung aus lebendiger Darstellung und sanfter Farbästhetik verleiht jedem Flamingo eine eigene Ausstrahlung.
Darüber hinaus sind Flamingos für Judith Sturm Symbole von Liebe, Loyalität und Treue – Werte, die ihr persönlich sehr am Herzen liegen.

Schon während ihres Studiums an der HBK Saarbrücken entwickelte sie eine enge Verbindung zur Druckgrafik. Sie arbeitete gerne in den Siebdruck- und Holzdruckwerkstätten, wobei ihr die Variation stets wichtiger war als standardisierte Auflagen. Heute experimentiert sie mit Druckplatten, um einzigartige, individuelle Werke zu schaffen.
Auf Mallorca hat sie sich neben ihrer Ölmalerei auf die Red-Line-Monotypie spezialisiert – eine Technik, die Leichtigkeit, Skizzenhaftigkeit und emotionale Tiefe verbindet. Sie erlaubt es, sowohl flüchtige Momente als auch intensive Gefühle festzuhalten, und ist zugleich eine sehr präzise Drucktechnik, die an Streetart und die visuelle Sprache von Banksy erinnert – ohne ihn zu kopieren.
„Zwischen Technik, Zufall und Intuition entsteht ein Werk, das seiner eigenen Logik folgt und einen starken Wiedererkennungswert besitzt.“


Judith Sturm (geb. 1973) ist eine international tätige bildende Künstlerin mit Fokus auf Mixed Media, figürliche Ölmalerei, experimentelle Druckgrafik und konzeptuelle Werkserien. In diesen Medien hat sie eine unverkennbare künstlerische Handschrift entwickelt, die poetische Bildsprache mit körperlichen Spuren und gesellschaftlichen Fragestellungen verbindet.
Charakteristisch für ihr Werk ist der experimentelle Umgang mit Materialien wie Ölfarbe, Salz, Wachs und Papierstrukturen, leinwandgründe und Holz. Dabei entstehen fragile, durchscheinende Hautschichten – als visuelle Metapher für weibliche Erfahrungsräume, Verwundbarkeit und innere Stärke.
Sturm war an über 200 Ausstellungen weltweit beteiligt, darunter Biennalen, Einzel- und Gruppenausstellungen sowie internationale Kunstmessen.
Ihre Werke sind in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten, unter anderem in der Landeskunstsammlung des Saarlandes, im Museum The Turner House (Wales), im Museum Chianciano Terme (Toskana), im Fantapia M Museum (Gangneung, Südkorea), im Markgräfler Museum (Müllheim) sowie im Osten Museum of Drawing (Skopje).
Judith Sturm ist seit 2009 Mitglied im Künstlerhaus Saarbrücken, seit 2023 im Badischen Kunstverein Karlsruhe und seit 2024 im Rochester Contemporary Art Center in New York City.
Sie lebt und arbeitet in Spanien und unterhält weitere Ateliers in Deutschland, Frankreich und Österreich.
