Warum diese Messe weiblicher war, als sie es vermutlich geplant hatte
Die Lichter im Palau de Congressos sind gelöscht, die Kisten verpackt. Doch während das Rauschen der Messe schnell verblasst, bleiben einige Arbeiten ungewöhnlich klar im Gedächtnis. Es sind zehn Künstlerinnen, deren Positionen sich nicht nur behauptet, sondern miteinander verbunden haben – leise, physisch und mit einer eigentümlichen Selbstverständlichkeit. Ein Rückblick auf das, was bleibt.
Das Material als Manifest
Wenn man an diese Ausgabe der APC erinnern will, dann in erster Linie über das Material und die Haptik. Was diese Positionen verbindet, ist kein Stil, sondern ein Zugriff: Material wird hier nicht illustriert, sondern ernst genommen. Aluminium, Wolle, Pigmente, Glas, Fundstücke, bestickte Stoffe, gefärbte Papiere, Glitter, Blattgold…
Dabei geht es auffallend selten um Geste oder Provokation. Viele der Arbeiten sind ruhig, fast zurückgenommen – und entwickeln gerade daraus ihre Intensität. Themen wie Körper, Natur, Herkunft oder Identität erscheinen nicht als Behauptung, sondern als etwas, das sich aus dem Material selbst oder aus einem natürlichen Selbstbewusstsein heraus entwickelt. Vielleicht liegt genau darin diese spürbare Verschiebung: eine Form von „weiblicher“ Perspektive, die keine Kopie feministischer Kunst der vergangenen Jahrzehnte ist, sondern durch Präzision und reines „Sein“ berührt.
Die Unbeugsamen: Anna Fasshauer & Joana Vasconcelos
Während Anna Fasshauer (Galerie Nagel Draxler) mit purer Körperkraft Aluminium in Falten legte, als wäre es Seide – ihre Skulpturen wirken weich, fast beiläufig und tragen gleichzeitig die Energie ihrer Entstehung in sich –, transformierte Joana Vasconcelos (Baró Galeria) textile und häusliche Materialien in monumentalen Häkelwerken ins Surreale. Sie arbeitet entgegengesetzt: ausladend, ornamental, raumgreifend und verschiebt damit deren Bedeutung, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Beide brachen auf ihre Weise die Grenzen des skulpturalen Raums auf. Zwei künstlerische Ansätze, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und sich doch im radikalen Zugriff auf das Material treffen.

Identität und Intimität: Zandile Tshabalala & Pola SieverdingZandile Tshabalala (Galerie Nagel Draxler) setzt dem eine andere Form von Präsenz entgegen: Ihre Figuren sind in sich geschlossen, ruhig, souverän. Glitzer wird hier nicht zum Effekt, sondern zur bewussten Setzung von Sichtbarkeit. Ihre Bilder feiern selbstbewusste schwarze Weiblichkeit in Momenten der absoluten Ruhe – eine majestätische, fast heilige Aura.
Im Kontrast dazu stand die kühle und präzise Kunst von Pola Sieverding (Galerie Kewenig), die den Blick des Betrachters mit ihrer Fotografie Hermaphrodite herausfordert: Sie nutzt darin die sinnliche Bildsprache einer Auster – eine Form, die zugleich organisch, taktil und schwer fassbar ist –, um die fluide Natur von Geschlecht und Identität zu untersuchen. Die Fotografie lädt zu einem Blick ein, der intime Unsicherheit erzeugt und uns mit unseren eigenen Projektionen und Begehren konfrontiert. Sie lässt Identität als architektonisches Konstrukt begreifen und untersucht die Fluidität von Gender und Macht. Ihre Fotografien fordern Distanz – und erzeugen gerade dadurch eine starke, kontrollierte Intensität. Was verführerisch erscheint, wirkt im nächsten Moment fremd, fast desorientierend. Sieverding präsentiert Sexualität als ein sich verschiebendes, sensorisches Feld – ein Zusammenspiel aus Materialität, Wahrnehmung und Vorstellungskraft.

Stille Kraft und laute Fragen
Einige Werke brauchten keinen Lärm, um im Gedächtnis zu bleiben. Sie wirkten durch ihre Präzision und ihre Geschichte.Die kinetische Poesie: Rebecca Horn
Ihr Werk „Der Zweiäugige“ bei Galería Pelaires war der emotionale Ruhepol. Ein Glaskasten, ein vibrierender Bambuszweig, ein Glasei – Horn bewies einmal mehr, dass die Seele der Kunst oft in der kleinsten mechanischen Geste liegt.

Insel-Alchemie: Rosa Caterina Bosch Rubio & Adriana Meunié (ABA ART)
Hier wird die Verbindung zum Ort unmittelbar spürbar. Rosa Caterina Bosch Rubio arbeitet mit Pigmenten aus der lokalen Flora und entwickelt daraus fragile, fast flüchtige Bildräume. Ihre Werke sind weniger Abbild als Verdichtung – eine leise Form von Wissen über die Landschaft. Sie extrahiert Pigmente aus der mallorquinischen Flora und bannt sie auf Textilien und Papier. Ihre Werke sind Archive der Inselnatur, wie flüchtige Erinnerungen an einen Sommertag, konserviert durch tiefes botanisches Wissen.
Adriana Meunié geht noch einen Schritt weiter ins Physische: Rohwolle, Espartogras, Raffia aus Mallorca. Sie befreit die Wolle vom Kitsch des Kunsthandwerks und lässt sie in ihrer wilden, archaischen Pracht sprechen. Ihre Wandteppiche sind haptische Landschaften, die den Wunsch wecken, das Material zu berühren und die Verbindung zur Natur neu zu spüren.

Hybride Welten: Mónika Kárándi, Anna Júlia Friðbjörnsdóttir und Eva Dixon
Die letzten Positionen bewegen sich zwischen Bild, Objekt und Erzählung.
Der Stand der Galerie Longtermhandstand war eine Lektion in narrativer Archäologie der Künstlerin Mónika Kárándi. Während ihre atmosphärischen Gemälde uns in vulkanische Terrains entführen, brechen die bestickten Textilobjekte am Boden förmlich aus der Fiktion aus. In Witch House verarbeitet sie die Paranoia spanischer Hexenlegenden. Ein zentrales Symbol ist die Welwitschia mirabilis: Diese „lebende Fossilie“ fungiert als Anker zwischen kollektivem Gedächtnis und moderner Klimaangst. Ihre Stickerei ist kein Dekor, sondern eine „haptische Narbe“, die fragile Historien materiell greifbar macht.
Anna Júlia Friðbjörnsdóttirs (Gallery Gudmundsdottir) Papierarbeiten über die Jahreszeiten wirken wie Fundstücke aus einer anderen Zeitrechnung. Sie nutzt 24kt Blattgold auf Rechenpapier, um Themen wie Ökologie und Information zu untersuchen. Ihr Werk Sundial (47th Parallel North) ist eine Begegnung mit der Ewigkeit. Bei der organischen Form handelt es sich um den präzisen Abdruck des Stoßzahns einer ausgestorbenen isländischen Walrossart. Friðbjörnsdóttir nutzt Jesmonite, um die fossile Textur des Elfenbeins täuschend echt zu konservieren. Das Werk markiert den Schnittpunkt zwischen paläontologischer Vergangenheit und astronomischer Gegenwart und spielt auf den irreversiblen Eingriff des Menschen in Ökosysteme an.

Den krönenden und radikalsten Abschluss unserer Reise bildet die One-Woman-Show von Eva Dixon. Ihre Präsentation bei Particular Ideas war eine visuelle Manifestation von „Industrial-Queer-Poetik“. Die Werke – oft kleinformatig, aber von enormer physischer Dichte – ragen skulptural in den Raum. Dixon arbeitet mit der Ästhetik des Widerstands. Durch die Versiegelung von Fundstücken mit hochglänzendem Bootsharz verleiht sie dem „Abfall“ der Gesellschaft eine monströse Eleganz. In Arbeiten wie Emergency Exit wird die Materialität selbst zur Sprache: Hartes Metall trifft auf leuchtende LEDs, rohes Holz auf glatte Politur.

Das Fazit
„Die ART COLOGNE Palma Mallorca 2026 bleibt nicht als lautes Ereignis in Erinnerung, sondern durch eine ungewöhnlich dichte Präsenz weiblicher Kunstpositionen. Diese zehn Künstlerinnen stehen stellvertretend für eine Generation, die sehr unterschiedliche Wege geht – und dennoch etwas Gemeinsames sichtbar macht: eine Form von Präsenz, die nicht mehr um Erlaubnis fragt, sondern den Raum durch ihre bloße Existenz und materielle Wahrhaftigkeit besetzt.“
Judith Sturm
