Plüsch, Poesie und Apokalypse

Peter Kohl und die die Anarchie der ländlichen Idylle
Wer die Arbeiten von Peter Kohl betrachtet, betritt einen Raum, der vertraut und zugleich tief verschoben wirkt. Tiere, Mischwesen und eigenwillige Figuren bevölkern seine Leinwände. Sie wirken wie Entschlüpfte aus einem Paralleluniversum des Alltäglichen – humorvoll, irritierend und von einer

überraschenden Poesie.

Bild 1 ( Galerist und Künstler)


Mit der aktuellen Ausstellung “The Plush Apocalypse“ in der Galeria HMH in Cooperation mit der neu eröffneten Streicher Gallery auf Mallorca, zeigt sich, wie konsequent Kohl diese Bildsprache über die Jahre verdichtet hat. Das Interesse ist groß: Bereits vor der offiziellen Eröffnung wechselten zahlreiche Arbeiten den Besitzer. Doch der eigentliche Grund für diese Resonanz liegt tiefer als das reine Marktgeschehen. Er speist sich aus der ungewöhnlichen biografischen und materiellen Reibung, die Kohls Kunst antreibt.

Peter Kohl stammt aus einer Kärntner Bauernfamilie. Seine Kindheit war geprägt von Landwirtschaft, harter Arbeit und einer Welt, die von klaren, funktionalen Strukturen und unmittelbarer Materialität bestimmt wurde. Der spätere Weg in die Kunst war eine bewusste Abkehr – ein Schritt, der nicht ohne Brüche verlief und den der Künstler selbst rückblickend als Prozess des „Freischaufelns“ beschreibt.

Diese Herkunft wurde in seinen Arbeiten jedoch nicht ausgelöscht, sondern ästhetisch übersetzt. Das zeigt sich exemplarisch am Einsatz von Silolack. Dieser schwarze, glänzende und zähklebrige Schutzanstrich, der im bäuerlichen Alltag Silos versiegelt, wird bei Kohl zum bildnerischen Werkzeug. Er nutzt ihn, um schwarze Kleidungsstücke darzustellen, Schatten zu werfen und den Bildern eine fast physische Schwere zu verleihen. Aus einem industriellen Gebrauchsstoff wird so ein Signaturmaterial.


Ebenso prägend ist sein Umgang mit dem Ornament. Die Bildflächen sind von Mustern durchzogen, die an historische Tapetenrollen erinnern. Es ist ein Verweis auf jene Zeit, in der gekalkte Wände in Bauernhäusern mit einfachen Gummiwalzen dekoriert wurden. Kohl greift diese visuelle Erinnerung auf: Er entwirft eigene Muster, lässt sie als Walzen anfertigen und integriert sie direkt in den Malprozess. So entsteht ein rhythmisches Grundgewebe, das seine Figuren bettet und ihnen gleichzeitig Halt gibt.

Dieses Rapportmuster umrahmt oder durchsetzt seine Kreaturen: Schweine, Kühe, Hasen, Ratten, Stechmücken und hybride Fabelwesen. Sie sind zugleich vertraut und radikal verfremdet. Es sind Erinnerungsfragmente, die sich karikaturhaft verselbstständigt haben – leicht, absurd, manchmal bissig, aber nie gänzlich vom Boden der Realität gelöst.

Genau hier liegt die Stärke seiner Kunst. Die rauen, ungeschönten Eindrücke des bäuerlichen Lebens werden nicht bloß illustriert, sie werden transformiert. Es entsteht „Kohl’s Kosmos”, der das Ländliche jenseits jeder Kitsch-Romantik neu liest – als Rohstoff für eine eigenständige, zeitgenössische Kunst.

Der Ausstellungstitel “The Plush Apocalypse“ bringt dieses Spannungsfeld auf den Punkt. „Plüsch“ steht für das Weiche, Verspielte und vermeintlich Kindliche seiner Figuren. Die „Apokalypse“ hingegen verweist auf jene unterschwellige Düsternis, die in den Werken mitschwingt: Das Porträt einer Welt, die spürbar aus den Fugen gerät, ohne dabei ihre eigentümliche Leichtigkeit zu verlieren.

Peter Kohl ist längst kein regionaler Geheimtipp mehr. Nach einer großen Retrospektive in der Städtischen Galerie Klagenfurt, einem Artist-in-Residence auf Château de Monboucher nähe Bordeaux und regelmäßigen Messepräsenzen, unter anderem auf der Art Karlsruhe, unterstreicht die Schau auf Mallorca nun seine internationale Relevanz.

Das dortige Publikum reagierte unmittelbar: Sammlerinnen und Sammler aus dem internationalen Umfeld der Insel griffen früh zu, sodass die Ausstellung schon während der Laufzeit nur noch in Teilen verfügbar ist.

Judith Sturm

Die Ausstellung “The Plush Apocalypse“ ist bis Ende Juni in der Galeria HMH I, in der Carrer de sa Fabrica 11, in Port Andratx, Mallorca zu sehen.

Öffnungszeiten: Mo-Sa vom 9:00 – 18:00

Terminvereinbarung außerhalb der Öffnungszeiten:

+34 610 15 95 43

contact@streicher-gallery.com

0 replies on “Plüsch, Poesie und Apokalypse”