Wäre einer Schauspielagentin dieser tolle Typ am Bankschalter nicht aufgefallen – wir würden ihn heute in vielen Filmen und Serien nicht bewundern dürfen. So gesehen hat sich die Banklehre auf Drängen seines Vaters schon gelohnt. München, Los Angeles sind Stationen seiner Ausbildung zum Schauspieler. Nebenher jobbt er in München als Kellner, da er anfangs von seinen Engagements noch nicht wirklich leben kann. Aber dies reicht diesem mehrsprachig begabten Kerl nicht. Er absolviert in Köln zusätzlich eine Ausbildung zum Stuntman. Für eine Rolle, bei der er 140 Mitbewerber hatte – lernt er mal eben so Portugiesisch. In Brasilien ist er ein Star, während ihn hier anfangs wenige kennen.



Seit nunmehr 6 Jahren gibt er neben Christian Kohlund und Ina Paule Klink den sexy Züricher Polizeihauptmann Furrer. Und seit 2024 den Mann an der Seite von Christina Hecke im Saarland Krimi “In Wahrheit” fürs ZDF.
Susanne Carina Autzen trifft Pierre Kiwitt.
SCA:
Schön, dass du dir bei deinem vollen Terminplan Zeit für uns nimmst. Wie beginnt ein guter Tag für dich? Gibt es kleine Gewohnheiten, ohne die du morgens nicht richtig ankommst?
PK:
Ein guter Tag beginnt für mich erstaunlich unspektakulär. Mit ein paar Minuten, in denen niemand etwas von mir will – nicht einmal ich selbst. Ich mag es, wenn der Tag nicht sofort mit Bedeutung aufgeladen wird. Danach setze ich mich aufs Rad, mache etwa eine Stunde Sport, Dusche und lande schließlich am Computer. Es sei denn, ich drehe – dann beginnt der Tag natürlich ganz anders. Je nachdem wie früh es los geht, dann aufstehen anziehen und los.
SCA:
Naja, eine Stunde Frühsport täglich ist schon respektabel! (lacht)
Dein Beruf ist geprägt von Wandel und Bewegung. Was bedeutet für dich im Alltag Luxus – Zeit, Ruhe, Freiheit oder etwas ganz anderes?
PK:
Luxus hat für mich sehr wenig mit Dingen zu tun. Zeit ist der offensichtliche Klassiker, aber noch wertvoller ist innere Freiheit. Die Freiheit, einen Termin abzusagen. Oder ihn bewusst wahrzunehmen, weil er sich richtig anfühlt. Luxus ist auch, nicht permanent erreichbar sein zu müssen – und sich trotzdem verbunden zu fühlen.
SCA:
Freiheit – mein höchster Wert! Das kann ich gut nachvollziehen! Wie sorgst du für dich selbst, wenn Arbeit, Reisen und Erwartungen viel Raum einnehmen?
PK:
Das ist eine gute Frage.
SCA: (lacht)
Danke schön!



PK:
Wann ist man schon wirklich bei sich selbst – und wer ist man dann eigentlich?
Das Leben eines Schauspielers ist bunt und gleichzeitig manchmal erstaunlich eintönig. Da spielt Familie eine große Rolle, sie erdet. Und dann gibt es diese Momente, in denen ich bewusst abschalte, mir selbst erlaube zu sagen: Jetzt ist kurz Urlaub. Auch das ist Selbstfürsorge.
SCA:
Absolut! Gibt es Orte – Städte, Landschaften oder ganz alltägliche Plätze –, die dir sofort ein Gefühl von Zuhause geben?
PK:
Ja, ehrlich gesagt viel zu viele. Fast überall dort, wo ich gerade bin. Ich passe mich neuen Orten sehr schnell an und versuche, sie wirklich zu leben – nicht als Besucher, sondern wie ein Einheimischer.
Rio de Janeiro ist so ein Ort, auch wenn ich dort nur 1 Jahr gelebt habe. Prag ebenso, wo ich seit fast zehn Jahren jedes Jahr drehe. Paris, die französischen Alpen, Südfrankreich – familiär bedingt ohnehin. Und natürlich Deutschland. Zuhause ist für mich weniger ein Ort als ein Zustand. Und Heimat sind vor allem auch die Menschen, die ich kennen lernen durfte.
SCA:
Ja, absolut beeindruckend, wo du überall schon drehen konntest. Was inspiriert dich jenseits von Film und Theater? Musik, Bücher, Sport, Kochen, Natur – was nährt deine Kreativität?
PK:
Mich inspirieren vor allem Menschen. Gespräche, Beobachtungen, die Pausen zwischen den Worten. Musik begleitet mich ständig – je nach Stimmung von Mozart bis Hip-Hop. Sport erdet mich, Kochen beruhigt mich, Natur relativiert vieles. Sie erinnert mich daran, dass nicht alles so dramatisch ist, wie wir es manchmal empfinden. Und ja, ich denke zunehmend darüber nach, ein wenig ländlicher zu leben – als Gegengewicht zur Großstadt, nicht als Abkehr.
SCA:
Das Saarland würde sich über einen neuen Bewohner sehr freuen! Und die Grenznähe zu Frankreich wäre doch geradezu perfekt! (lacht)
Stil ist im Lifestyle-Kontext mehr als Mode. Wie würdest du deinen persönlichen Stil beschreiben, und hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
PK:
Mein Stil ist vermutlich eine Mischung aus Bequemlichkeit und Haltung. Ich mag Dinge, die Bestand haben – Kleidung ebenso wie Entscheidungen. Mir geht es vor allem darum, zu stimmen: mit mir, mit dem Moment. Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Es muss nicht der neueste Trend sein, manchmal reicht ein zehn Jahre altes weißes T-Shirt. Ich mag Dinge mit Geschichte.
SCA:
Was nur wenige von dir wissen und ich sehr bewundere: Du arbeitest international und mehrsprachig. Welche kulturellen Einflüsse haben deinen Blick auf Leben, Genuss und Zusammenleben geprägt?


PK:
Mehrsprachigkeit hat mich gelehrt, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern viele Perspektiven. In manchen Kulturen spricht man, um zu überzeugen, in anderen, um zu verbinden. Das prägt meinen Blick auf Genuss und Zusammenleben sehr.
Ich erlaube mir, aus jeder dieser Kulturen etwas mitzunehmen, zu lernen, abzuschneiden. Das versetzt mich oft in einen Zustand permanenter Sehnsucht – nach all den Orten, zu denen ich zurückkehren möchte. Das klingt vielleicht ein wenig melancholisch, aber bisher hatte ich das große Glück, mich jedes Mal aufs Neue zu freuen, diese Runde drehen zu dürfen.
SCA:
Wow! Schön gesagt….
Was hilft dir, im Gleichgewicht zu bleiben, wenn Termine, Projekte und Öffentlichkeit dichter werden?
PK:
Balance entsteht für mich nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen. Das Vertrauen darauf, dass nicht alles gleichzeitig passieren muss. Ich plane, ja – aber ich lasse bewusst Raum für Zufälle. Die sind oft die besseren Dramaturgen.
Und dann gibt es noch die ehrlichere Antwort: Ich funktioniere am besten, wenn ich drehe. In dieser Phase kann ich gefühlt zehn Dinge parallel machen. Nicht zu drehen fühlt sich manchmal ein wenig wie Cold Turkey an.
SCA:
Das kann ich nachempfinden. Gesellschaftliches Bewusstsein spielt für viele Menschen eine große Rolle. Wo übernimmst du im Kleinen Verantwortung, ganz ohne große Bühne?
PK:
Verantwortung übernehme ich dort, wo ich bin. Im Zuhören. Im Respekt.
Man kann im Kleinen sehr viel bewirken, wenn man Menschen nicht auf Rollen reduziert – weder auf der Bühne noch im Leben.
SCA:
Was wünschst du dir momentan am meisten – für dein Leben?
PK:
Das klingt vielleicht widersprüchlich, aber: Ruhe durch Beschäftigung. Der Moment des Spiels ist für viele von uns wie eine Droge – oder besser noch wie Nahrung. Er hält uns lebendig. Und je mehr man davon bekommt, desto stärker wird dieses Bedürfnis.
Ich wünsche mir Kontinuität mit Überraschung. Projekte mit Tiefe. Begegnungen, die bleiben. Und die Fähigkeit, all das wahrzunehmen, ohne es festhalten zu wollen. Und Weltfrieden.
SCA:
Oh ja…. Zu guter Letzt: Was bedeutet für dich “dolce far niente”?
PK:
Im “Jetzt zu sein” und gleichzeitig vorausschauend ohne Sorge zu sein. Genug sein zu dürfen, ohne anderen zu schaden oder sie zu übergehen. Mit Respekt zu begegnen.
Nicht lauter zu leben als nötig, aber präsent genug, um nichts Wesentliches zu verpassen. Alles andere ist Dekoration.
SCA:
Ein wunderschöner Schlusssatz. Herzlichen Dank für deine Zeit.
