„Wahre Stärke beginnt dort, wo wir lernen, uns selbst zu verstehen.“
Es gibt Menschen, die Räume betreten und sofort eine besondere Präsenz ausstrahlen. Nicht, weil sie laut sind – sondern weil sie aufmerksam beobachten, zuhören und verstehen. Er gehört zweifellos zu diesen Persönlichkeiten.
Seit vielen Jahren fasziniert er Menschen weit über den deutschsprachigen Raum hinaus mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, Körpersprache zu entschlüsseln, Gedankenmuster zu erkennen und Kommunikation auf einer tieferen Ebene verständlich zu machen. Als Bestsellerautor, Vortragsredner und Mentalist hat er unzählige Menschen inspiriert – doch hinter dem erfolgreichen Bühnenmenschen steht ein Mensch, der sich intensiv mit Achtsamkeit, innerer Ruhe und der Frage beschäftigt, wie wir in einer immer schneller werdenden Welt bei uns selbst bleiben können.
Der gebürtige Saarländer ist seiner Heimat und der Natur bis heute eng verbunden. Gleichzeitig blickt er weit über Grenzen hinaus und verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit Lebenserfahrung und einem feinen Gespür für das Wesentliche.
Susanne Carina Autzen trifft Thorsten Havener.


SCA: Thorsten, schön, dass Du Dir die Zeit für uns nimmst. Es ist so schön, Dich wiederzutreffen und Dich mit Dir auszutauschen. Du beschäftigst Dich seit vielen Jahren mit Gedanken, Wahrnehmung und der Kraft unseres Geistes. Glaubst Du, dass wir Menschen heute mehr denn je verlernt haben, auf unsere innere Stimme zu hören?
TH: Ich glaube nicht, dass unsere innere Stimme verschwunden ist – wir sind nur zu laut drumherum geworden. Nachrichten, soziale Medien, Erwartungen und Zeitdruck. Einer meiner Grundsätze lautet: Deine Energie folgt Deiner Aufmerksamkeit. Die ständige Ablenkung zerreißt unseren Fokus und damit schwächt sie auch unsere Energie. Unsere innere Stimme hat es da oft schwer, gehört zu werden. Sie meldet sich eher leise als Gefühl, als Bild und manchmal auch als sehr klarer Gedanke. Als ich in Saarbrücken Übersetzen und Dolmetschen studiert habe, hatte ich diesbezüglich einen Schlüsselmoment: ich wusste beim Dolmetschen plötzlich sehr genau, was der Redner als nächstes sagen wird, bevor er es ausgesprochen hat. Ohne starke Konzentration auf den Moment hätte ich vielleicht gar nicht bemerkt, wie außergewöhnlich das gerade war. Deshalb hat Selbstkenntnis für mich immer auch mit Konzentration und Aufmerksamkeit zu tun. Mit dem Beantworten der Frage: Was weiß ich längst, sobald ich aufhöre, mich abzulenken?
SCA: Eine sehr kluge Definition und Frage… Mit Deiner exklusiven Community begleitest Du täglich Menschen auf ihrem persönlichen Weg. Was berührt Dich dabei am meisten? Gibt es eine Begegnung oder Rückmeldung, die Dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
TH: Ja, das Feedback aus meinem CharakterClub – das ist meine online Community, die ich vor 5 Jahren gegründet habe. Dort arbeite ich mit Menschen, die die Methoden meiner Bücher vertiefen und verinnerlichen möchten. Eigentlich war das Programm auf ein Jahr ausgerichtet. Nach dem Jahr haben die Mitglieder sich jedoch größtenteils geweigert auszusteigen. Also habe ich weiter gemacht. Ich liebe den Club sehr. Da sind unglaubliche Sachen passiert: eine sehr introvertierte Person hat gelernt, über ihren Schatten zu springen und ab und zu Präsentationen im Unternehmen zu geben und hat dadurch die Beförderung bekommen, die sie sich seit Jahren gewünscht hat. Eine Musikerin ist in das Orchester aufgenommen worden, von dem sie geträumt hat und ein Mitglied hat bei einem Fotowettbewerb gewonnen und eine eigene Ausstellung bekommen. Zu sehen, dass die Methoden von anderen mit Erfolg angewendet werden, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Es ist eine echte Familie, die stetig wächst.
SCA: Das ist ja – im wahrsten Sinne des Wortes – bezaubernd! Du bist wie ich im Saarland aufgewachsen – einer Region, die für ihre Natur, ihre Bodenständigkeit und ihre Herzlichkeit bekannt ist. Welche Werte aus Deiner Heimat begleiten Dich bis heute und wo findest Du persönlich die größte Ruhe?
TH: Das Saarland steckt tiefer in mir, als mir oft bewusst ist. Wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, hört meine Frau sofort, wer dran ist – ich falle in Sekunden in den Dialekt zurück, den ich von zu Hause als das Normalste der Welt empfinde. Die saarländische Bodenständigkeit ist mir hoffentlich geblieben: Dort zählt weniger, wie jemand wirkt, sondern wie er ist. Nähe, Verlässlichkeit, Humor – und die Kunst, die Dinge nicht unnötig kompliziert zu machen. Vielleicht kommt daher meine Abneigung gegen alles Aufgesetzte. Ich mag Menschen, die etwas können, ohne ständig darüber reden zu müssen.
Ruhe finde ich seit jeher in der Natur, beim Gehen, in der Musik, mit meiner Familie. All das habe ich im Saarland gelernt: der Wald bei Riegelsberg, den ich mit meinem besten Freund als Kind erkundet habe, die ersten Gitarrenstunden und sogar eine eigene Band in der Schule, und natürlich mein erster Auftritt 1986 in Heusweiler. Dort hat alles begonnen. Ich lebe seit 26 Jahren in München, habe eine großartige Familie. Meine Heimat ist dort, wo meine Familie ist – aber meine Wurzeln werden immer im Saarland bleiben.


SCA: Ja, das kann ich alles unterschreiben. Bin völlig bei dir…
Du warst während des Studiums und immer mal wieder in den USA. Mit welchen Eindrücken bist Du zurückgekehrt? Gibt es etwas, das uns die amerikanische Mentalität im Umgang mit Veränderungen oder persönlicher Entwicklung voraushat?
TH: Ich weiß, dass ich damit in Deutschland immer wieder anecke, aber ich liebe die amerikanische Freundlichkeit und die unkomplizierte Art durchs Leben zu gehen. Das wird hier oft als Oberflächlichkeit abgetan, das ist meiner Erfahrung nach aber nicht der Fall. Ich habe in Kalifornien – genauer in Monterey -studiert und was ich in den USA an Freundschaft und auch an Gastfreundschaft erlebt habe hat mich sehr stark geprägt. Dennoch bin ich immer wieder zurückgekehrt. Denn die deutsche Sorgfalt und Tiefe möchte ich trotzdem nicht missen. Die beste Mischung wäre für mich: amerikanischer Optimismus und Mut zum Aufbruch und deutsche Gründlichkeit in der Umsetzung.
SCA: Und wieder etwas, was wir gemeinsam haben. Ich verstehe dies sehr gut, ein Teil meiner Familie ist amerikanisch. Und so sehe ich dies auch. Wir leben in einer Zeit, die viele Menschen als extrem belastend und fordernd empfinden. Was würdest Du jemandem raten, der sich nach mehr Gelassenheit und innerer Ruhe sehnt?
TH: Zuerst würde ich ihm raten, aus der Gelassenheit bitte kein neues Leistungsziel zu machen. Wer sich unter Druck setzt, endlich entspannt sein zu müssen, produziert nur zusätzlichen Stress. Ich nenne das den Zwang zum Glück. Die Selbstoptimierungs und Achtsamkeits-Industrie und ihre Influencer gehen mir diesbezüglich mit ihren Versprechen und angeboten ganz schön auf die Nerven.
Harmonie ist ein normaler Zustand. Da ist nichts schweres. Der erste Schritt ist oft ganz körperlich: langsamer ausatmen, den Blick heben, sich auf sein Umfeld konzentrieren, auf alle geraden Formen oder grünen Gegenstände, auf die Geräusche, auf das Gefühl der körperlichen Verbundenheit mit der Erde. Dann hilft eine einfache Frage: Was davon liegt gerade wirklich in meiner Hand? Wir leiden meistens weniger an dem, was geschieht, sondern vielmehr an den Geschichten, die wir uns gedanklich erzählen. Wir müssen nicht alles glauben, was wir denken…
Zweitens, ganz praktisch: Dreh den Lärm ab. News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist – bei uns bleiben beim Abendessen Handy und Fernseher aus.
Und drittens: Setz auf Optimismus, nicht auf positives Denken. Das ist ein gravierender Unterschied. Über eine Brücke, deren Ingenieure lieber ein Seminar über positives Denken besucht haben statt die Statik zu berechnen, möchte ich nicht fahren. Nach dem Motto: Denken wir mal positiv, die Brücke wird schon halten…
Optimismus heißt, das halb leere Glas sehr wohl zu sehen, die Welt in allen Facetten wahrzunehmen – sich aber auf die volle Hälfte zu konzentrieren. Auch hier: Deine Energie folgt Deiner Aufmerksamkeit.
SCA: Oder anders – was Du denkst, das wirst du! Hast Du ein tägliches Ritual, das Dir hilft, den Fokus zu behalten und bei Dir selbst anzukommen? Wie beginnt für Dich ein guter Tag?
TH: Ich habe kein starres Morgenritual, das jeden Tag gleich ablaufen muss – wie gesagt, diesen ganzen Optimierungskult finde ich eher anstrengend. Mein Morgenritual ist, den Hunden was zu fressen zu geben und die Spülmaschine auszuräumen. Das ist der Punkt: es geht darum, im alltäglichen Ruhe zu finden. Was mir guttut: morgens nicht sofort in Nachrichten und E-Mails einzusteigen. Ein Kaffee, wenn es zeitlich passt mein Sportprogramm. Und statt „Was muss ich heute alles schaffen?” frage ich lieber: Welche eine Sache soll am Abend klarer sein als am Morgen? Das eigentliche Ritual bei uns ist aber der Abend. Wir fragen uns am Esstisch reihum: Was war dein Lieblingsmoment des Tages? Diese einfache Frage hat unsere jüngste Tochter mal gestellt als die Stimmung am Abend gedrückt war. Klingt simpel, verändert aber alles – weil man den ganzen Tag plötzlich mit anderen Augen abläuft und nach dem Schönen sucht. Und siehe da, man findet es: das Lied, das man schon lange nicht mehr gehört hat, ein Anruf eines guten Freundes, die Nachbarin, die sich über den Lavendel gefreut hat. Ein guter Tag beginnt für mich nicht damit, dass alles unter Kontrolle ist, sondern damit, dass ich weiß, wohin ich meine Aufmerksamkeit richte.

SCA: Das merke ich mir! Lieblingsmoment des Tages! Toll! Du beschäftigst Dich intensiv mit Körpersprache und Gedankenmustern. Was ist aus Deiner Sicht der häufigste Denkfehler, der Menschen daran hindert, wirklich glücklich oder erfolgreich zu sein?
TH: Der größte Denkfehler ist, dass wir unsere eigene Interpretation für die Wahrheit halten. Um diesen einen Satz dreht sich fast meine ganze Arbeit: Die Welt ist das, wofür wir sie halten. Wir sehen nie die Wirklichkeit, sondern immer unsere Version davon – gefiltert durch alles, was wir schon zu wissen glauben. Wer sich auf „das klapptsowieso nicht” einstellt, übersieht zuverlässig alles, was dagegenspricht. Sätze wie „dafür bin ich zu alt” oder „das kann ich nicht” sind keine Tatsachen, sondern gedankliche Voreinstellungen. Der zweite Denkfehler hängt direkt daran: Wir warten, bis wir uns anders fühlen, bevor wir anders handeln – auf Mut, auf Sicherheit, auf den perfekten Moment. Dabei entsteht das Gefühl oft erst durch die Handlung. Gedanken sind wichtig, aber sie sind weder Befehle noch Tatsachen. Glück und Erfolg beginnen häufig genau dann, wenn wir aufhören, jedem inneren Einwand das letzte Wort zu geben. Unser Leben reagiert auf unsere Handlungen, nicht auf unsere Wünsche oder unsere Gedanken.
SCA: Und, wenn man dies verinnerlicht, wird vieles verständlicher und leichter! Du liest Menschen wie kaum ein anderer. Gibt es etwas, das Dir bei einer ersten Begegnung sofort auffällt – und was verrät dieses Detail über einen Menschen?
TH: Ich achte zuerst darauf, wohin ein Mensch seine Aufmerksamkeit richtet. Ist er wirklich im Raum und bei seinem Gegenüber – oder vor allem mit der eigenen Wirkung beschäftigt? Das zeigt sich in Kleinigkeiten: im Blick, in der Atmung, im Tempo, in der Art zuzuhören. Interessant wird es, wenn sich plötzlich etwas verändert – die Schultern werden fester, die Hände ruhiger, der Atem flacher. Aber ein einzelnes Signal verrät nie die ganze Wahrheit. Körpersprache ist kein Wörterbuch, in dem jede Geste eine feste Bedeutung hat. Verschränkte Arme heißen eben nicht automatisch „der macht zu” – vielleicht ist dem Menschen einfach kalt. Entscheidend sind der Zusammenhang und der Moment, in dem etwas kippt. Und noch etwas fällt mir schnell auf: wie jemand mit Menschen umgeht, von denen er gerade gar nichts braucht. Das verrät oft mehr als jede perfekt eingeübte Selbstdarstellung.
SCA: Weißt Du, dass ich das von dir gelernt habe? Dieses exakte Beobachten? (Lacht) Ist vielen nicht angenehm, wenn man sie durchschaut! (lachen beide). Wenn Du für einen Moment alle Termine, Bühnen und Verpflichtungen hinter Dir lassen könntest – wie würde Dein perfekter Tag aussehen? Was bedeutet echter Luxus für Dich persönlich?
TH: Mein perfekter Tag wäre erstaunlich unspektakulär. Kein Wecker, kein enger Plan, ein langes Frühstück mit meiner Familie, Bewegung in der Natur, Zeit zum Lesen und Schreiben, gute Musik – und am Abend ein Essen mit Menschen, von denen niemand auf die Uhr schaut. Ein Tag, an dem ich ehrlich sagen könnte: „Ich habe gerade alle Zeit der Welt.” Darin liegt für mich echter Luxus – nicht möglichst viel zu besitzen, sondern über die eigene Aufmerksamkeit verfügen zu dürfen: womit ich meine Zeit fülle, mit wem, und womit ich meinen Kopf fülle. Ich mache manchmal eine kleine Übung und stelle mir vor, all das wäre plötzlich weg – und merke schlagartig, wie reich ich eigentlich bin. Qualität, Schönheit, gutes Handwerk gehören für mich dazu, aber immer ohne großes Ausrufezeichen.
Der größte Luxus ist wahrscheinlich ein Leben, in dem man niemandem etwas beweisen muss.
SCA:Oh ja! Stell Dir vor, Du dürftest unseren Leserinnen und Lesern nur einen einzigen Gedanken mit auf den Weg geben – einen Satz, der ihr Leben vielleicht ein kleines Stück verändert. Welcher wäre das?
TH: Du musst nicht jedem Gedanken glauben, nur weil er gerade in deinem Kopf auftaucht.
SCA: Lieber Thorsten, es war mir wie immer ein Fest mit dir!
Selten so gelacht und doch so tiefgründig philosophiert.
Danke für deine Zeit!
Und hoffentlich mal wieder bald im Saarland!
