Ein neuer Messeimpuls für Mallorca
Die zweite Ausgabe der Art Cologne Palma markiert nicht nur eine Fortsetzung nach einer längeren Pause, sondern auch einen vorsichtigen, aber spürbaren Schritt in Richtung Etablierung einer neuen Kunstmesse auf Mallorca. In den Räumen des Kongresszentrums von Palma entfaltet sich ein Parcours, der sowohl klassische Positionen des internationalen Kunstmarkts als auch eine überraschend große Zahl junger, experimenteller Präsentationen vereint.
Insgesamt präsentieren sich 88 internationale Aussteller und Galerien aus rund 20 Ländern
– darunter die USA, verschiedene europäische Staaten sowie Vertreter aus Afrika und Asien. Vier Tage lang wird der Kongresspalast damit zur Bühne für ein breites Spektrum zeitgenössischer Kunstformen: von Malerei und Fotografie über Keramik bis hin zu Textilkunst und experimentellen, installativen Ansätzen.
Das Gesamtbild wirkt dabei weniger monumental als vielmehr ausgewogen – ein gut austarierter Durchschnitt zwischen etablierten Galerien, die bereits regelmäßig auf der Art Cologne in Köln vertreten sind, und einer jüngeren Generation von Ausstellern, die sichtbar nach neuen Formen der Präsentation sucht.

Bereits zur Eröffnung wurden erste Werke verkauft – ein frühes Zeichen dafür, dass die Messe nicht nur als kuratorischer Raum, sondern auch als funktionierender Markt angenommen wird.
Unter den internationalen Höhepunkten stach ein großformatiges Werk von Anselm Kiefer besonders hervor. Mit einem Wert von rund 1,3 Millionen Euro war es zugleich das teuerste Werk der Messe. Die brauntonige, landschaftlich aufgeladene Arbeit setzte einen starken inhaltlichen und materiellen Akzent und stand sinnbildlich für die Schwere und historische Tiefe, die Kiefers Werk charakterisiert.
In diesem Kontext traten auch Arbeiten von Pablo Picasso, Salvador Dalí und Joan Miró in Erscheinung – darunter insbesondere keramische Arbeiten und kleinformatigere Positionen, die die ikonischen Werke der Moderne in einen intimeren, materiell direkteren Zusammenhang überführen. Im Gesamtbild wurden diese Werke jedoch teilweise von der physischen und marktbezogenen Präsenz Kiefers in den Hintergrund gedrängt.

Leichtigkeit als kuratorisches Moment
Ein zentrales, sehr positives Merkmal dieser Ausgabe ist die Leichtigkeit vieler Präsentationen, insbesondere im Bereich der jungen Galerien. Während etablierte Positionen häufig mit klar definierten, nahezu musealen Setzungen arbeiten, zeigen die jüngeren Stände eine experimentellere, offenere Haltung.
Diese Leichtigkeit wirkt nicht zufällig, sondern fast wie ein kuratorischer Gegenentwurf zu den oft schwergewichtigen Marktmechanismen großer Kunstmessen. Statt Überinszenierung dominiert hier vielmehr eine reduzierte, konzentrierte Präsentationsform, die den Arbeiten Raum lässt, ohne sie zu überfrachten.
In diesem Kontext sticht der Stand P112 der Galerie Ruttkowski;68 mit Arbeiten des Berliner Künstlers Dennis Buck besonders hervor. Seine Präsentation gehört – neben der monumentalen Arbeit von Anselm Kiefer und der beindruckenden Baobab Mamorskulptur von Joan Costa im Eingangsbereich zu den eindrücklichsten Positionen der Messe. Bucks Werk folgt einer beinahe alchemistisch anmutenden Prozesslogik: Die zunächst mit Farblasuren grundierten Leinwände werden über einen längeren Zeitraum der Sonne und den natürlichen Bedingungen der Umgebung ausgesetzt. Durch diese kontrollierte Erosion entstehen UV-bedingte Farbveränderungen und Spuren, die nicht additiv, sondern durch Zeit und Umwelt eingeschrieben sind.
In einem zweiten Schritt werden selbst hergestellte Ölfarben nicht klassisch mit dem Pinsel, sondern mit einer Silikonspritzpistole auf die Oberfläche aufgetragen – in plastischen Linien und Strängen, die wie Kletterpflanzen die Leinwand erobern. Die Malerei erweitert sich damit in eine fast skulpturale Dimension, in der Material, Gestus und Körperlichkeit unmittelbar miteinander verschmelzen. Diese technische und ästhetische Entscheidung ist zugleich biografisch grundiert: Der Vater des Künstlers arbeitete im handwerklichen Bereich der Gebäudefugenabdichtung mit Silikon. Diese prägende Nähe zum Material und zur technischen Applikation wird bei Buck in eine künstlerische Sprache übersetzt, die das Handwerkliche nicht negiert, sondern bewusst als bildnerisches Werkzeug transformiert.
Gerade in dieser Verbindung aus Prozess, Material und persönlicher Prägung entsteht eine Werkhaltung, die sich subtil, aber deutlich von klassischen malerischen Positionen absetzt und der Messe einen zusätzlichen, zeitgenössisch experimentellen Akzent verleiht.

Mallorcas Szene als integraler Bestandteil
Auch die lokale Kunstszene ist sichtbar und substantiell in die Messe eingebunden. Neben etablierten Strukturen wie der Baró, ABA Art, Gerhard Braun, Lundgren und Roy ist auch die Adema, eine private Kunsthochschule mit Studiengängen im Bereich Bildende Kunst, vertreten. Diese Präsenz unterstreicht den Anspruch, nicht nur internationale Positionen zu zeigen, sondern auch die künstlerische Ausbildung und Entwicklung auf Mallorca in den Messekontext einzubeziehen.
Eine besondere Rolle nimmt dabei der mallorquinische Bildhauer Joan Costa ein, der von der ABA Gallery vertreten wird – einer der wichtigen Galerien Palmas. Bereits im Eingangsbereich der Messe setzt seine monumentale Marmorskulptur „Baobab“ einen markanten räumlichen und symbolischen Akzent. Die rund drei Meter hohe Arbeit fungiert als eine Art skulpturales Tor zur Messe und verankert die internationale Veranstaltung sichtbar im lokalen Kontext.
Die Präsenz dieser Arbeit schafft einen starken ersten Eindruck und betont die Verbindung zwischen regionaler künstlerischer Identität und internationalem Messegeschehen. Auch im persönlichen Austausch am Stand der ABA Gallery entsteht dabei ein unmittelbarer Bezug zwischen Künstler, Werk und Publikum – ein Moment, der in der stark strukturierten Messearchitektur selten geworden ist.
Die regionale Verankerung verleiht der Veranstaltung eine notwendige Erdung im internationalen Umfeld und zeigt zugleich, dass Mallorca zunehmend als aktiver Kunststandort wahrgenommen wird – nicht nur als Schauplatz, sondern als Produzent kultureller Inhalte.

Weibliche Kunstpositionen mit besonderer Strahlkraft
Auffällig war zudem, dass insbesondere die weiblichen Positionen der Messe eine besondere inhaltliche Dichte und Eigenständigkeit zeigten. In nahezu allen Medien – von Bildhauerei über Malerei, Objekt und Installation bis hin zu textilen Arbeiten – zeigte sich eine bemerkenswerte Vielfalt bei gleichzeitig hoher künstlerischer Qualität, sowohl bei jungen Künstlerinnen als auch internationale Kunstgrößen wie Rosa Loy und Rebecca Horn. Ihnen wird in einem gesonderten Beitrag eine vertiefende Betrachtung gewidmet.

Ein Parcours zwischen Struktur und Verirrung
Die räumliche Situation im Kongresszentrum von Palma ist dabei ambivalent. Der Parcours durch die Messe wirkt stellenweise etwas verschachtelt und nicht immer intuitiv geführt. Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch ein System aus Ebenen, Durchgängen und Übergängen, das Orientierung verlangt und gelegentlich auch herausfordert.
Gleichzeitig eröffnet genau diese Struktur überraschende Perspektiven. Besonders die erhöhte Ebene bietet einen eindrucksvollen Überblick über die Stände im Erdgeschoss – ein fast architektonischer Moment der Ordnung im ansonsten fragmentierten Raumgefüge. Von dort aus entsteht ein Panorama, das die Vielfalt der Messe visuell zusammenbindet und ihr eine unerwartete Klarheit verleiht.
Eine Messe im Übergang
Als zweite Ausgabe nach einer längeren Unterbrechung steht die Art Cologne Palma deutlich erkennbar in einer Phase der Konsolidierung. Vieles wirkt noch im Aufbau begriffen, manches experimentell, anderes bereits stabilisiert. Genau in dieser Zwischenlage liegt jedoch ihr Potenzial.
Palma selbst entwickelt sich zunehmend zu einem internationalen Hotspot der Kunstszene. Vor diesem Hintergrund erscheint die Etablierung einer festen Kunstmesse nicht nur sinnvoll, sondern beinahe notwendig. Die Stadt bietet das kulturelle und atmosphärische Umfeld, das eine solche Veranstaltung tragen und weiterentwickeln kann.
Wunsch nach stärkerer lokaler und experimenteller Öffnung
Für die zukünftige Entwicklung wäre es wünschenswert, die Einbindung lokaler Galerien weiter zu stärken und gleichzeitig experimentelle Formate gezielt zu fördern. Insbesondere sogenannte „Labs“ für junge Galerien könnten eine wichtige Rolle spielen, um kuratorische Experimente zu ermöglichen und Einzelkünstlerpositionen in konzentrierten, hochwertigen Präsentationen sichtbar zu machen.
Dabei sollte der Fokus nicht ausschließlich auf dem Verkaufsaspekt liegen, sondern verstärkt auf inhaltlicher und kuratorischer Qualität. Fördermodelle könnten hier einen entscheidenden Beitrag leisten, um diese Formate nachhaltig zu etablieren.
Ein vielversprechender Anfang
Die Art Cologne Palma zeigt in ihrer zweiten Ausgabe ein deutliches Entwicklungspotenzial. Sie ist noch keine Großmesse, trägt eher einen Boutique-Charakter aber genau darin liegt ihre Stärke: in der Offenheit, im Experiment und in der Bereitschaft, sich zwischen Markt, Region und internationalem Anspruch neu zu definieren.
Mit einer stärkeren Integration der gesamten mallorquinischen Szene und einer gezielten Förderung junger, experimenteller Präsentationsformate könnte Palma sich langfristig als feste Größe im europäischen Messekalender etablieren – nicht als Kopie bestehender Modelle, sondern als eigenständiger, mediterraner Gegenentwurf mit eigener Handschrift.
–Judith Sturm

